Heute ist schon der 27. Juni und der erste Interviewtag für unsere Teilnehmer. Nach dem Frühstück beginnt also die erste Vorbereitungssession, in der wir über unseren ersten Interviewpartner, Dr. Theodore Stephen Pietrus an der „Nelson Mandela Metropolitan University“ sprechen, Doktor der Anthropologie und seit 11 Jahren an der Universität. Außerdem diskutieren wir, welche Fragen wir im Gespräch, vor dem offiziellen Interview, stellen werden und wer welche übernimmt. Gut vorbereitet beginnt die Fahrt zur Uni und schließlich das Interview.
Vorbereitung und Selbsteinschätzung.
Auf unsere ziemlich kurzen Fragen folgen erstaunlich lange Antworten, denen es nicht immer leicht fällt zu folgen, aber wir versuchen es alle sehr konzentriert. Wir erfahren eine Menge über den Unterschied zwischen Kultur und Vielfältigkeit. So etwa, dass Menschen eine Kultur entwickelten, um ein erfolgreiches Zusammenleben zu erreichen, z.B. durch eine gemeinsame Sprache und auch bestimmtes Verhalten. Dieser Entwicklung folgte allerdings auch, dass sich jede einzelne kulturelle Gruppe höher ansah als andere und, wegen den verschiedenen Sprachen, unter ihnen auch keine verbale Kommunikation möglich war, was auch zu Konflikten führte. Dr. Pietrus' Schlussfolgerung daraus ist, dass sich die Menschen, bevor sie über eine bestimmte Kultur urteilen, wissen müssten, welche Überzeugungen und kulturellen Inhalte diese haben und was sie bedeuten. Das bringt, wegen den sprachlichen Barrieren, natürlich gewisse Anstrengung mit sich. Zu der Vielfältigkeit in Südafrika sagte uns Dr. Pietrus zunächst, dass wir für alles offen sein sollten und so viel erfragen und versuchen zu verstehen sollten wie möglich. Denn er erklärte uns, dass Vielfältigkeit eine Realität ist, die als Teil der globalisierten Welt akzeptiert werden muss.
Auf die Frage, welche Bedeutung die multilinguale Gesellschaft heute hat und was sie für ihn bedeutet, erklärt er, dass die Entstehung der multilingualen Gesellschaft direkt mit dem Einfluss der holländischen und englischen Kolonialmächte in Verbindung steht, die zu den ursprünglichen südafrikanische Bevölkerungsgruppen dazukamen und sie teilweise stark beeinflusste. Doch wie sich an den über 11 offiziellen Sprachen im Land zeigt, blieben einige traditionelle Bevölkerungsgruppen mit ihren identitätsstiftenden Sprachen und Kulturen erhalten.
Nach etwa zwei Stunden der Gesprächsrunde beginnt das Interview, das von Milena sehr professionell gemeistert wurde.
Embizweni, der Name des Unigebäudes: Ein Ort an dem man Spaß hat.
Dr. Pietrus
Gruppenbild nach der Gesprächsrunde
Blick aus dem 10. Stock der Uni
Milena und Filmteam 2 beim Interview mit Dr. Pietrus.
Nach dem Mittagessen und der nächsten Vorbereitungssession für unseren zweiten Interviewpartner, folgt ein unerwartetes Ereignis. Racheal konnte ein Interview mit dem Port Elizabeth „Herald“ organisieren, der größten örtlichen Zeitung. Erstaunt sind alle über die Art, wie die Fotos geschossen wurden: Zuerst sollten wir die Straße vor unserer Unterkunft herunterrennen und Springen, was doch als schwieriger wie erwartet herausstellte, da ständig Autos oder … ein Fahrrad die Straße herauffuhren. Am Strand, unserer nächsten Kulisse, war dieses Posen dann schon leichter, da dort kein anderer Mensch zu sehen war. Wir warten gespannt auf die Fotos und den Zeitungsartikel!
Dieses Bild gibt es im Herald vom 28.6.11 zu sehen!
Etwas verspätet fahren wir schließlich zu unseren zweiten Interviewpartnern, Mr. Bosman und seiner Tochter Farah, die mit der ganzen Familie in den „Walmer Hights“, einem Vorort von Walmer, einer Gegend der höheren Mittelklasse leben. Er ist 32 Jahre, Christ, spricht Englisch und etwas Xhosa, arbeitet bei den örtlichen Zeitungen „The Herald“, bei der „Weekend Post“ und der „Sunday Times“ und engagiert sich für Masifunde. Er ist „coloured“, also farbig, was nicht heißt, dass seine Eltern schwarze und weiße Hautfarbe hatten, wie er erklärt, sondern seine Vorfahren, über Generationen „coloured“ waren und seine tiefsten Wurzeln in Indien liegen. Seine Frau, die Tochter und der Sohn, alle Muslime, und die Freundin seines Sohnes, die in Kapstadt lebt, sind auch bei der Gesprächsrunde, vor dem Interview, dabei. Man sieht also, dass die Bosmans eine „multireligiöse“ Familie ist. Seine Tochter, Farah, die etwa 16 Jahre alt ist und auf der Alexandria Heigh School (die Sprache dort ist Englisch) in die 9. Klasse geht, hat eine gute Freundin, Sarah, die im Township lebt und von Masifunde unterstützt wird. Farah erzählt uns von der Situation an ihrer Schule, dass sie sowohl Freunde hat, die „black“, „white“ und „coloured“ sind, und die Hautfarbe heute in Schulen und im Hinblick auf die Zukunftsperspektiven bei ihnen keine Rolle spielt, was durch Mr. Bosman bestätigt wird, da alle die gleichen Chance haben, egal mit welcher Hautfarbe: „I see it in colour, nolonger in black and white“. Denn Mr. Bosman konnte sich z.B. seine Arbeit früher nicht selbst aussuchen. Er sagt, dass man als „black“ oder „coloured“ zu Zeiten der Apartheid zum Beispiel nur Prediger, Lehrer oder Doktor werden konnte aber kein Pilot oder Feuerwehrmann. Die Berufswahl war für sie daher gesetzlich stark eingeschränkt. Er berichtet auch von seinen Erfahrungen im Alltagsleben unter der Apartheid, dass er und seine Frau in speziellen Bussen, nur für „black or coloured people“ fahren durften und auch am Strand nur besondere Gebiete nutzen konnten. Er ist sehr froh, dass seine Kinder diese diskriminierenden Erfahrungen nicht machen müssen und nicht durch ihre Hautfarbe klassifiziert werden.
Sein Sohn, Reezu, der an der „Stellenbosseu“ Uni studiert, erzählt uns, dass ihm der Unterschied, den es zwischen den verschiedenen Hautfarben geben sollte, als Kind nicht wirklich klar war, da es aus seiner Sicht keinen Unterschied gab und daher z.B. über „coloured dutchman“ sprach, was natürlich ein Widerspruch in sich ist. Neben ihm sitzt seine Freundin, die in Kapstadt lebt und neben Englisch auch Afrikaans spricht, also die Sprache, die sich durch den Einfluss der Holländer in bestimmten Gebieten Südafrikas entwickelte.
Familie Bosman: Mr. Bosman, Farah, Reezu Freundin, Reezu, Mrs. Bosman
Nach der Gesprächsrunde bereiten die Bosmans für uns noch ein gemütliches Beisammensein vor, mit Kaffee und Kekse, bei dem wir uns einen Film anschauen (auf Deutsch), der die Verbindung zwischen seiner Tochter und ihrer Freundin aus dem Township zeigt und erläutert, welche Bedeutung die Unterstützung von Masifunde für die jungen Menschen, die in diesem Umfeld aufwachsen, bedeutet.
Anschließend interviewt Siphokazi Mr. Bosman und Milena zusammen mit Siphokazi seine Tochter, Farah.
Mr. Bosman und Siphokazi.
Beim Interview mit Farah Bosman
Zurück in der Unterkunft sind alle Teilnehmer ziemlich erschöpft und freuen sich auf einen ruhigen Abend. Nach dem Abendessen, folgt der letzte offizielle Punkt des Tages, die erste Evaluationsrunde des Tages, vor allem der Interviews und der Gruppenzusammenarbeit. Es werden Ergebnisse gesichert und Eindrücke sowie Erlebnisse besprochen.
Der Abend endet in einer gemütlichen Fernsehrunde.
Aljoscha, Milena, Wonga und Janin beim Film schauen: sehr gute Schauspieler :-)
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